Praxis für Gerichtspsychologie Prof. H. Dettenborn
Praxis für GerichtspsychologieProf. H. Dettenborn

 

Gutachten zur Verantwortungsreife

Jugendlicher und Heranwachsender


Im Bereich des Jugendstrafprozesses werden Gutachten erstellt

  • zur
    strafrechtlichen Verantwortlichkeit Jugendlicher gemäß § 3 Jugendgerichtsgesetz
    (JGG) und
  • zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit Heranwachsender gemäß § 105 Jugendgerichtsgesetz (JGG).

Jugendliche
 
Ein Jugendlicher (14, aber noch nicht 18 Jahre alt) ist nur strafmündig, wenn er
zur Tatzeit "nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug
ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln"
(§ 3 Satz 1 JGG). Wenn also dem Jugendlichen bewusst ist, dass er etwas
Verbotenes tut und wenn er die erforderliche Widerstandsfähigkeit gegen den
Anreiz zur Tat aufbringen kann, ist er strafrechtlich verantwortlich. Der
Gesetzgeber fordert, dass in jedem Strafverfahren die strafrechtliche
Verantwortlichkeit Jugendlicher ausdrücklich festgestellt wird. Es gibt eine
Reihe von möglichen Komplikationen bei der Beurteilung des Entwicklungsstandes
eines Jugendlichen und dessen Auswirkung auf die Tatbegehung. Solche Komplikationen können die Notwendigkeit eines Sachverständigengutachtens begründen. EineBegutachtung betrifft in starkem Maße entwicklungspsychologische Aspekte.
Bei der Begutachtung werden dabei aus den Formulierungen im § 3 JGG folgende
Untersuchungsrichtungen abgeleitet:

1. Die geistige und sittliche (soziale) Reife in Bezug auf die Einsichtsfähigkeit. Hier stehen der Erkenntnisaspekt und der Einstellungs- bzw. Wertaspekt bezogen
auf Normanforderungen im Mittelpunkt.

2. Die geistige und sittliche (soziale) Reife in Bezug auf die Handlungsfähigkeit.
Hier stehen der Motivationsaspekt und der Handlungsaspekt im Mittelpunkt.

Soweit bei der Begutachtung Entwicklungsverzögerungen infolge psychiatrischer
Erkrankungen auftreten und die §§ 20 bzw. 21 StGB und § 3 JGG in Konkurrenz
treten, wird das Gutachten in Zusammenarbeit mit einem Psychiater erstellt.

Heranwachsende
Bei Heranwachsenden (18, aber noch nicht 21 Jahre alt) ist zu prüfen, ob das
Jugendstrafrecht oder das Erwachsenenrecht angewendet wird. Gemäß § 105,    Abs. 1 JGG sind jugendstrafrechtliche Sanktionen bei Heranwachsenden anzuordnen, wenn 
(1) die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Täters bei Berücksichtigung auch der Umweltbedingungen ergibt, dass er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und
geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleich stand,
oder 
(2) es sich nach der Art, den Umständen oder den Beweggründen der Tat um eine
Jugendverfehlung handelt.

Wiederum stehen entwicklungspsychologische Aspekte im Mittelpunkt. Die für die
Prüfung der Verantwortungsreife Jugendlicher genannten methodischen Prinzipien
(s. oben) werden dieser Fragestellung angepasst. Dabei werden die Spezifika des
umstrittenen Problems der Entscheidung zwischen Jugendstrafrecht und
Erwachsenenstrafrecht fallspezifisch berücksichtigt. Da weder objektive
Kriterien für die geforderte Reifeentscheidung zur Verfügung stehen noch ein
Idealtyp oder Realtyp eines Jugendlichen, mit dem der Heranwachsende zu
vergleichen wäre, steht die entwicklungspsychologisch orientierte Frage im
Mittelpunkt, welche "Entwicklungsaufgaben" seiner Altersstufe ein
Heranwachsender schon bewältigt hat. Entsprechend verfügbare Maßstäbe werden
vor allem genutzt, um jene jungen Täter zu erkennen, deren Straftaten aller
Wahrscheinlichkeit nach nur episodischen Charakter haben und nicht Anzeichen
einer kriminellen Karriere sind.

Literatur
Esser, G., Fritz, A., Schmidt, M. H. (1991). Die Beurteilung der sittlichen
Reife Heranwachsender im Sinne des § 105 JGG. Versuch einer
Operationalisierung. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 74,
356 - 368.



 

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